Bericht über die Abtreibung eines Wunschkindes

 (partielle Trisomie 18) - Johannes Nico

Nachfolgend ein schonungsloser Bericht über die Abtreibung eines Wunschkindes. Um irgendwann irgendwie wieder ins Leben zurückzufinden, musste ich mir alles von der Seele schreiben. Auch die Themen, die für mich wirklich wichtig waren und über die ich im Internet so gut wie nichts finden konnte, nämlich, was mit den abgetriebenen Kindern passiert und wieviel sie möglicherweise von ihrer Abtreibung mitbekommen. Wem das zu sehr unter die Haut geht, bitte nicht weiterlesen. Mir hingegen hätte es sehr geholfen, hierüber mehr Informationen zu haben, auch wenn die Auseinandersetzung mit dem Thema noch so wehtut.

Bei dieser Schwangerschaft war etwas anders als bei der Schwangerschaft mit meiner Tochter (5 Jahre). Bei meiner Tochter hatte ich mich damals einfach nur riesig gefreut und wir haben drauflos geplant, diesmal war die Freude gedämpft (“erst freuen, wenn wirklich klar ist, alles wird gut”). Ob es an meinem fortgeschrittenen Alter (42 Jahre) lag oder im Rückblick an einer Art Vorahnung ist schwer zu sagen, aber diesmal wollten wir es dem weiteren Familien- und Freundeskreis erst erzählen, wenn das beruhigende Ergebnis der Chorionzottenbiopsie vorlag.

  Bei der Chorionzottenbiopsie wurde zusätzlich ein ausführlicher Feinultraschall beim Spezialisten gemacht. Alle Werte lagen im grünen Bereich, das Kind war ganz normal entwickelt, die Chromosomenanalyse war nur noch eine Formalität. Um mir zu zeigen, wie gut entwickelt mein kleiner Johannes Nico war, machte der Arzt auch 3-D-Bilder, was ich gar nicht wollte (“erst in das Baby verlieben, wenn wirklich klar ist, alles wird gut”). Natürlich habe ich mir die 3-D-Bilder trotzdem angeschaut, natürlich habe ich mich spätestens an diesem Tag trotz aller Vernunft und guten Vorsätze in mein ungeborenes Kind verliebt, das auf den 3-D-Bildern schützend die Hände vor sein makelloses Gesicht hält.  Der Tag zwischen dem Feinultraschall und dem Ergebnis des Gen-Schnelltests war der einzige wirklich glückliche Tag in meiner Schwangerschaft. An diesem Tag machten mir die ganzen Schwangerschaftswehwehchen nichts aus, weil ja jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen konnte und ich endlich morgen allen die frohe Nachricht sagen konnte.   Am nächsten Tag hatte ich einen Kontrolltermin bei meinem Frauenarzt, der vom Genetiklabor bzw. dem Spezialisten das Ergebnis des Schnelltests bekommen hatte: 47, XY, +mar. Mein Frauenarzt erklärte mir mit freundlichem Gesicht, dass zusätzlich zu den üblichen 46 Chromosomen ein Markerchromosom vorliegt, dass ich mir jedoch bis zum Vorliegen des ausführlichen Berichts in ca. zwei Wochen keine Sorgen machen sollte; in aller Regel, so zu 70 %, habe das nichts zu bedeuten und sei nur genetischer Zellmüll, ganz harmlos. Erst auf der Heimfahrt dämmerte mir, dass das im Umkehrschluss bedeutet, dass zu 30 % ein ernsthaftes Problem vorliegt. Die Chance von etwa 1:3 auf einen genetischen Defekt, in Relation zu meiner rein altersbedingten Chance von rd. 1:50, war niederschmetternd, obwohl ich es nicht glauben wollte, denn ich sollte mir ja keine Sorgen machen, harmloser Zellmüll, nicht wahr? Über das Internet erfuhr ich erst, was “Markerchromosom” bedeutet, und was sich in den nicht so harmlosen 30 % alles verbirgt.

Um eine Vererbung und somit die Harmlosigkeit des Zellmülls zu prüfen, sollten mein Mann und ich Blutproben abgeben, die bei meinem Frauenarzt gemacht wurden und die ich dann persönlich ins Genetiklabor brachte. Die nächsten zwei Wochen waren zermürbend; warten, hoffen, alles nicht so ganz real, als würde das alles jemand anderem passieren und ich würde nur zuschauen. In der ganzen Zeit im Büro trotzdem den Kopf freihaben müssen, bloß keine Fehler machen, sich nichts anmerken lassen. Die engsten Freunde hatte ich eingeweiht, helfen konnte niemand, aber zuhören. Ich wollte so gerne endlich allen erzählen, dass wir Nachwuchs bekommen; ich konnte die Kindsbewegungen erahnen und hätte mich so gerne darüber laut gefreut.


Das Genetiklabor ist in der gleichen Stadt wie meine Arbeit; da ich beim Abgeben der Blutproben meine Ausfertigung des Schnelltest-Berichts dort vergessen hatte und diesen gerne wiedergehabt hätte, bin ich kurz vor Ablauf der zwei Wochen in der Mittagspause dort vorbeigefahren. Wollte eigentlich nur meinen Bericht wiederhaben, wurde aber gebeten, kurz zu warten, bis die Ärztin Zeit für mich hätte. Man hatte in allen Zellkulturen 47 Chromosomen gefunden. Das Markerchromosom konnte noch nicht eindeutig identifiziert werden, es sei jedoch davon auszugehen, dass es allein aufgrund seiner Größe genetisch aktives Material trägt. Ich solle mich darauf einstellen, dass das Kind eine genetische Beeinträchtigung habe.

 Mit dieser Information nach der Mittagspause zurück ins Büro, den Rest des Tages durchstehen, abends war noch eine Firmenveranstaltung mit Tanz, Musik und gutem Essen, bei der es gar nicht gut angekommen wäre, nicht zu erscheinen. Also das eben Gehörte irgendwie bis zum Abend verdrängen, die Veranstaltung mit froher Miene absolvieren und dann, zu Hause, erst zerfließen.

Am nächsten Tag lagen die Ergebnisse der Langzeit-Kulturen vor und wir hatten einen gemeinsamen Termin bei der Genetikerin. Die Diagnose: Partielle Trisomie 18, das Markerchromosom war ein inaktives winziges Stück eines Chromosoms 13 oder 21, an den sich ein aktives Teilstück des Chromosoms 18 angelagert hatte, das somit dreifach vorlag. Super selten, ganz was besonderes, kaum Literatur hierzu vorhanden. Man konnte uns nur Wahrscheinlichkeiten sagen. Trotz jeder fehlenden körperlichen Mißbildung bei unserem Kleinen war die Wahrscheinlichkeit einer schweren kognitiven Behinderung bei 80 %, die restlichen 20 % waren ungewiss, bestehend aus einer mäßigen bis leichten Behinderung bis zu möglicherweise gar keiner wahrnehmbaren Beeinträchtigung. Höchstwahrscheinlich jedoch ein so stark behindertes Kind, dass es niemals richtig Reden und Laufen lernen wird, dafür aber aufgrund des Fehlens der sonst üblichen Herzfehler etc. eine gute Langzeit-Überlebenswahrscheinlichkeit hat.

Mein Mann hat einen Cousin mit partieller Trisomie 15, der entgegen aller Prognosen inzwischen Mitte 30 ist. Seine Mutter, selbst inzwischen 70 Jahre alt, hat seit seiner Geburt kein eigenes Leben mehr. Der Cousin ist ein völliger Pflegefall, kann nur liegen, wird von epileptischen Anfällen geschüttelt, kann, wenn er nicht ständig unter Medikamenten steht, ohne Vorwarnung alles was er in die Hände bekommt (einschließlich Arme und Hals seiner Betreuungspersonen) in einen unlösbaren Schaubstock-Klammergriff nehmen, kann nur völlig unzusammenhängende Wortfetzen von sich geben bzw. laut schreien. Es gibt Anzeichen dafür und wir alle hoffen, dass er autistisch ist, d.h. in seiner Welt lebt und damit halbwegs glücklich ist. Aber was passiert mit ihm, wenn ihn seine Eltern nicht mehr versorgen können? Für meinen Mann und mich war schon zu Zeiten, als wir noch nicht mal über Heirat und Kinderkriegen nachdachten, klar, dass wir das nicht stemmen können und wollen, sollte es einmal uns betreffen. 

 Und jetzt betraf es uns unmittelbar. Für uns war die Entscheidung, rein verstandesmäßig, klar. Es wurde nochmal eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt, weil noch eine verschwindend geringe Chance bestand, dass sich bei der Eizell-Teilung im Frühstadium nur im Gewebe des Mutterkuchens diese Chromosomenanomalie ergeben hatte und das Fruchtwasser und somit das Kind in Ordnung war. Wir haben diese Zeit des zusätzlichen Wartens jedoch nur als weitere Belastung ohne jede Hoffnung empfunden. In dieser Zeit war ich schon krankgeschrieben, ich hätte nicht arbeiten können, alle Gedanken drehten sich um die uns bevorstehende Zeit.  Zu vielen Fragen, die einem in dieser Zeit kommen, gibt es keine Antworten bzw. nur widersprüchliche Informationen. Ich hatte noch im Ohr, dass Kinder aus Abtreibungen im Krankenhaus in der Gewebetonne landen und als Sonderabfall entsorgt werden, eine schreckliche Vorstellung, das ging für mich gar nicht. Erst eine Bestatterin konnte mir wirklich Auskunft darüber geben: Die Sache mit der Gewebetonne gehört inzwischen in Deutschland weitgehend der Vergangenheit an, das von mir ausgesuchte Krankenhaus, so wie viele weitere, sammelt Totgeburten und Kinder aus Abtreibungen im Kühlhaus und macht auf seine Kosten alle paar Monate eine Sternenkinder-Urnenbestattung, alle Kinder in einem Sarg, die dann anonym auf einem Friedhof im Sternenkinder-Bereich bestattet werden. Eine tröstliche Vorstellung. Alternativ kann man auch einen eigenen Bestatter für ein Einzelbegräbnis einschalten, das dann natürlich selbst gezahlt werden muss. 

Wie zu erwarten war, kam bei der Fruchtwasseruntersuchung das gleiche Ergebnis heraus, diesmal ohne tagelanges Warten, weil gleich auf diese spezielle Form der partiellen Trisomie 18 getestet wurde. Direkt nach Abschluss aller Tests, in der 19. Schwangerschaftswoche, gefühlt viel viel zu spät, gingen wir für den Abbruch ins Krankenhaus, mein Mann hat die ganze Zeit an meiner Seite verbracht, wofür ich ihm unendlich dankbar bin. Die Kindsbewegungen, für andere Mütter eine Quelle purer Freude, waren für mich ein bitterer Vorwurf und entsetzlich belastend. Vor meinem geistigen Auge ständig die Bilder des 3-D-Ultraschalls, die schützenden Hände vor dem hilflosen, unschuldigen, perfekten Gesicht; ich möchte dieses Leben schützen mit allem Mutterinstinkt und gleichzeitig, obwohl so sehr gewünscht, willentlich beenden, weil ich es nicht ertrage. Herz und Verstand völlig unvereinbar. Ein letzter kurzer Ultraschall, um zu sehen, wie das Kind im Uterus liegt; für mich mit dem entsetzlichen Wissen, diesen Herzschlag nie wieder zu hören.

Als das Prostaglandin am Abend des zweiten Tages noch immer nicht anschlagen wollte, kam ein Punkt, an dem ich meine Sachen packen und einfach nur noch nach Hause wollte. Es besteht doch immerhin die Chance, dass das Kind zu 20 % einigermaßen gesund ist; es ist alles nur ein böser Traum; wenn wir jetzt einfach gehen, wird alles wieder gut. Natürlich sind wir doch geblieben.